Eine Frage der Perspektive: Polens Rolle im ersten Weltkrieg

Polens Rolle im ersten Weltkrieg ist immer auch eine Frage der Perspektive: Russland versprach Polen eine Freiheit unter russischer Herrschaft, Deutschland warb ebenfalls mit politischer und religiöser Freiheit, wenn die Polen Deutschland gegen Russland unterstützten und Österreich versprach den Polen in den von Österreich besetzten Gebieten eine Vereinigung der beiden Länder.
In Polen selbst gab es zwei wichtige Parteien: Die polnischen Sozialisten (geführt von Józef Piłsudski) strebte nach Unabhängigkeit Polens. Dazu wählte er taktisch Partnerschaften. Die Nationaldemokraten (geführt von Roman Dmowski) orientierten sich an Russland, waren dabei aber weniger erfolgreich als die Sozialisten. Diese waren am Krieg erfolgreich beteiligt, wurden sogar 1. Brigade der Westlichen Legion in der Österreichisch-Ungarischen Armee und verschafften sich so Respekt. Piłsudski konnte sich allerdings gegenüber Deutschland und Österreich nicht mit seinen Forderungen nach einer Selbstständigkeit Polens durchsetzen, sein kleiner Erfolg war die Gründung eines «Provisorischen Staatsrats», in dem er für militärische Aspekte zuständig war. Weitergehende Forderungen wurden nicht erfüllt, so dass Piłsudski sich entschloss, gegen Deutschland und Österreich zu agieren. Er wurde daraufhin verhaftet und so zum polnischen Märtyrer. Nach einigen Irritationen nach der Oktoberrevolution (Aufstand der russischen kommunistischen Bolschewiki gegen die Menschewiki 1917), in denen Polen um die dem Land zustehende Eigenständigkeit gebracht werden sollte, kam zunächst Dmowski als Kandidat für die Führung Polens in Frage. Als Piłsudski 1918 entlassen wurde (er war in Deutschland, in Magdeburg, gefangen gehalten worden), übernahm er umgehend die Führung Polens.

Neue Grenzen nach dem 1. Weltkrieg

Vorläufig übernahm der Sejm 1919 die Führung und Piłsudski war nur noch Staatschef - bis zur Verabschiedung der Verfassung. Nach zähen Verhandlungen des alliierten Grenzentwurfs und einigen Aufständen zur Veränderung der Grenzvorschläge gab es Abstimmungen zur nationalen Zuordnung der Gebiete. Dabei fielen in West- und Ostpreußen die meisten Orte an Deutschland, Oberschlesien wurde geteilt. Zufrieden war mit dieser Aufteilung keine Seite und es gab fortdauernde Spannungen. 1920 versuchte Piłsudski eine Ost-Erweiterung - mit erstaunlichem Erfolg: Vertraglich erreichte er eine östlichere Grenzziehung, dann griff er mit antikommunistischer Unterstützung aus der Ukraine die Ukraine an. Kiew wurde eingenommen und kurz darauf wieder verloren. Als das sowjetische Militär schon fast bei Warszawa (Warschau) stand, griff Piłsudski noch einmal im Norden erfolgreich an. 1921 schloss man den Frieden von Riga, der eine östlichere Grenze festlegte, die aber nach Piłsudskis Vorstellungen nicht ausreichte. Kurz darauf konnte er noch einmal Wilna erobern. Dies führte zur Aussetzung der polnisch-litauischen Beziehungen für 18 Jahre und erklärt das heute noch problematische Verhätnis der beiden Länder zu einem Teil.
1922 hatte Piłsudski so stark an Rückhalt in der Bevölkerung verloren, dass er sich zum Rücktritt gezwungen sah. Ein Grund war auch die erhebliche Geldentwertung in Polen. Auch die Regierung Grabski (1923 bis 1925) bremste die Inflation nicht. Die wirtschaftliche Situation war prekär, weil die Landwirtschaft (primärer Sektor) die Menschen nicht ernähren konnte - und für den Aufbau von Industrie (sekundärer Sektor) fehlte das Geld und die Zeit.

Piłsudski hatte unter diesen Bedingungen mit seinem Putsch 1926 Erfolg. Bis zu seinem Tod 1935 grenzte er die Macht des Sejm immer weiter ein und schuf Repressionen für politische Gegner. Auch die drei Nachfolger Piłsudskis (Mościcki, Rydz-Śmigły, Beck) regierten autoritär. 1939 lehnte Beck Hitlers Angebot ab, einen deutschen Korridor durch Polen zu akzeptieren und dafür geschützt zu werden. Hitler begann daraufhin am 1. September 1939 den Angriff auf Polen, zuvor inszenierte er einen polnischen Überfall auf einen deutschen Sender in Gleiwitz.
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok